Die Wandelniere

Theodor Fontane

Berlin 13.Aug.78,
Potsd.Str.134.c.

Meine liebe Frau,

[…]

Dabei fällt mir ein, daß mir, auf dem Rückweg von Novilles, W. Gentz begegnete, der mir ausführlich von seiner Frau erzählte: «er habe anfangs geglaubt, sie werde verrückt werden, schließlich aber habe sich herausgestellt, sie habe eine ‹Wandelniere›. Um das ‹Wandeln› – eine Art Bauchpromenade – wieder zu Ruhe zu bringen, befände sie sich im Franzensbad; andre Aerzte aber meinten, sie könne auch ebenso gut im zoologischen Garten sitzen.» Ich schloß mich dieser letztern Ansicht mit voller Ueberzeugung an. Aber ich frage Dich, was soll noch Bestand auf Erden haben, wenn selbst die Nieren an zu wandeln fangen. Die Nierensteine sind ja alte Planeten oder Wandelsterne des bäuchlichen Mikrokosmus, aber die Niere selbst war der Fixstern im System.

[…]

Wie immer Dein

Th.F.

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 16. Feb 2004