Das Gasthaus «Zum Walfänger»

Herman Melville

Wer das gieblige Gasthaus Zum Walfänger betrat, fand sich in einem weiten, niedrigen, verwinkelten Eingangsflur mit altmodischer Vertäfelung wieder, die an das Schanzkleid eines alten, abgewrackten Schiffes erinnerte. Auf der einen Seite hing ein riesiges Ölgemälde, so gründlich verräuchert und auf jede nur denkbare Weise verunstaltet, daß man in dem diffusen, kreuz und quer einfallenden Lichte, in dem man es gewahr wurde, nur durch sorgfältiges Betrachten und häufiges, systematisches Studieren sowie durch genaues Befragen der Nachbarn überhaupt eine Vorstellung von seinem Zwecke gewinnen konnte. Das Bild bot so unbegreiflich viele Schatten und Schattierungen, daß man zuerst beinah dachte, ein ehrgeiziger junger Künstler habe es zur Zeit der Hexen Neuenglands unternommen, einen chaotischen Hexensabbat darzustellen. Wenn man es daraufhin lange und ernsthaft betrachtete und wieder und wieder darüber nachdachte, und besonders wenn man ein kleines Fenster am Ende des Flurs aufriß, gelangte man letztendlich zu dem Schlusse, daß ein solcher Gedanke, so abenteuerlich er anfangs auch sein mochte, womöglich doch nicht ganz und gar unangebracht war.

Was mich jedoch am meisten verwirrte und bestürzte, war eine lange, formlose, unheilschwangere schwarze Masse, die in der Mitte des Bildes über drei schwachen, blauen, senkrechten Strichen in einer unbeschreiblichen, schaumigen Brühe trieb. Wahrlich ein sumpfig-dumpfig-klitschiges Bild*, das geeignet war, einen erregbaren Menschen gründlich zu verwirren. Und doch eignete ihm eine unbestimmte, unvollendete und unvorstellbare Erhabenheit, die einen wie versteinert darauf starren ließ, bis man sich unwillkürlich schwor, dem Sinn dieses wundersamen Gemäldes auf die Schliche zu kommen. Immer wieder durchschoß mich die Erleuchtung, aber ach, sie war nur trügerisch: Es ist das Schwarze Meer in mitternächtlichem Sturme. – Es ist der widernatürliche Kampf der vier Elemente. – Es ist eine verbrannte Heide. – Es ist eine arktische Winterlandschaft. – Es ist der aufbrechende, eisstarrende Strom der Zeit. Doch am Ende verblaßten all diese Hirngespinste vor jenem unheilschwangeren Etwas in der Bildmitte. Wäre dies erst einmal entschlüsselt, wäre alles andere einfach. Doch halt, hat es nicht eine schwache Ähnlichkeit mit einem gewaltig großen Fisch? Mit dem großen Leviathan selber gar?

In der Tat schien des Künstlers Absicht folgende (so meine eigene, abschließende Theorie, die zum Teil auf den gesammelten Meinungen vieler betagter Menschen gründet, mit denen ich über das Thema gesprochen): Das Bild stellt einen Kap-Hoorn-Segler in einem mächtigen Wirbelsturme dar; vom halb schon gesunkenen Schiff, das hin- und herrollt, sind nur die drei abgetakelten Masten zu sehen, und ein wutentbrannter Wal, der versucht, glatt über das Schiff hinwegzuspringen, vollbringt gerade das Ungeheuerliche, sich auf den drei Mastspitzen aufzuspießen.

*Im amerikanischen Original: «A boggy, soggy, squitchy picture truly»

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 6. Mai 2003