Verfressen

Jaroslav Hašek

«Ich verdau schnell,» sagte Baloun, «bei mir bleibt nie viel im Magen. Ich fress dir meinetwegen eine ganze Schüssel Knödl mit Schweinernem und Kraut auf, Kamerad, und in einer halben Stunde scheiss ich dir von allem nicht mehr aus als so auf drei Suppenlöffel, das andere geht dir in mir verloren. Mancher Mensch zum Beispiel sagt, dass, wenn er Pilze isst, so gehn sie ihm so heraus wie sie waren, nur sie auswaschen und wieder von neuem sauer kochen, und bei mir im Gegenteil. Ich fress mich dir mit Pilzen an, dass ein anderer zerspringen möcht, und wann ich dann aufn Abort geh, so furz ich dir nur ein bissl gelben Kasch heraus, wie von einem Kind, das andere geht Euch in mir verloren.»

«In mir, Kamerad,» teilte Baloun Schwejk vertraulich mit, «lösen sich dir sogar Fischgräten und Zwetschkenkerne auf. Einmal habe ichs absichtlich gezählt. Ich hab siebzig Zwetschkenknödl aufgegessen, und wie meine Stunde gekommen is, bin ich hinter die Scheune gegangen, hab drin mit einem Hölzl herumgestochert, habe die Kerne beiseite geschoben und gezählt. Von siebzig Kernen ham sich in mir mehr wie die Hälfte aufgelöst.»

Balouns Mund entrang sich ein leiser, gedehnter Seufzer: «Meine Alte hat Zwetschkenknödl und Erdäpfelteig gemacht und hat ein bissl Quark zugegeben, damit sie ausgiebiger sind. Sie hat sie immer lieber mit Mohn bestreut gehabt wie mit Quark und ich wieder umgekehrt, so dass ich sie dafür einmal abgeorfeigt hab — — — Ich hab mir mein häusliches Glück nicht genug geschätzt.»

Baloun hielt inne, schmatzte, schleckte sich ab und sagte traurig und weich: «Weisst du, Kamerad, dass es mir jetzt, wo ichs nicht hab, vorkommt, dass die Frau doch nur recht gehabt hat, dass sie mit Mohn besser sind? Damals is mirs fort vorgekommen, dass mir der Mohn in die Zähne kommt, und jetzt denk ich mir, wenn er nur kommen möcht — — Meine Frau hat mit mir häufig grosse Streitigkeiten gehabt. Wie oft hat sie geweint, wenn ich gewollt hab, dass sie mehr Majoran in die Leberwürste gibt und dabei hab ich ihr immer eine runtergehaut. Einmal hab ich die Arme so verbläut, dass sie zwei Tage gelegen is, weil sie mir zum Nachtmal keinen Truthahn schlachten wollt, dass mir herich ein Hendel genügt.»

«Ja, Kamerad,» fing Baloun zu weinen an, «wenn ich jetzt eine Leberwurst ohne Majoran hätt und Hendln — — — Isst du gern Dillensauce? Siehts du, wegen der hats was Krawalle gesetzt und heut möcht ich sie dir trinken wie Kaffee.»

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 5. Januar 2006