Ein kleiner Verbrecher

Ingeborg Bachmann

Der Lebenslauf einer Frau mit Haltung und schönen Schultern, der eines Tags von einem kleinen Verbrecher, einem Neureichen, der Gesehnes und Gelesenes ohne Umweg in Nutzen umsetzt, der nicht mehr zu überblicken vermochte als fünfzig Jahre Literatur, schwedische Möbel und Stahlrohr, zu dem er es noch bringen sollte, der in nichts eingetaucht war als in seinen kleinen Ehrgeiz, zwischen dem 1. Bezirk und Döbling und Hietzing, mit einem Aug nach Kitzbühel und St. Anton und dem Wolfgangsee, zu den Altenwyls und den Damen im 3. Bezirk, der noch ein paar Jahre brauchte, um zu erlernen, mit welchen Krawatten und Hemden, mit welchen Westen und Uhren man ausgerüstet zu sein hatte, um das alles sozusagen nicht mehr bemerken zu müssen, der mit schmutzigen Socken und Unterhosen herumlief und Nägel biß, bis ihm Fanny die Hände manikürte, ihn von den handgestrickten Pullovern befreite und er das made in England sich lässig über den Kopf ziehen konnte, die richtigen Jackenknöpfe offenließ und die richtigen Hemden offen trug, der das Wort Blazer verstand und Kaschmir nicht mehr mit der Geographie in Zusammenhang brachte, der die richtigen Bücher las und sich traute, von der Meinung abzuweichen, weil er wußte, von welcher und in welche Richtung er abzuweichen hatte, um sich interessant machen zu können, der schweigen lernte, gelangweilt, wenn die Leute sich über Anouilh ereiferten und Wilders Romane lasen, obwohl er ohne Fanny gemeint hätte, daß Spiel im Schloß ein gutes Stück sei und man von Wilder noch reden dürfe wie von der letzten Automarke.

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 20. September 2007