Am Vorabend wichtiger Ereignisse

Jeremias Gotthelf

Wenn der liebe Gott bekannt machen liesse an allen Ecken der Welt, vor allen Bären im ganzen Kanton, auf dem Klapperläubli in Bern, im Frankfurter Parlament, auf dem Fischmarkt in Paris, ja an der Ländti (Landungsplatz) in London, den 1. Januar von zwölf bis eins lasse er läuten, wenn wer zweg sei, lasse er gen Himmel führen, mit Schlag ein Uhr schliesse er die Türe und zwar für alle Ewigkeit, alsdann heisse es: «Vor der Tür ist draussen!», es fänden sich trotz dem ernstlichsten Aufgebote eine Menge Weiber, welche zu spät kämen, und manche wäre am Abend noch nicht zweg. Sie wären nicht fertig geworden mit Nisten und Zweglegen, Hin- und Herrennen, ohne zu wissen, warum. Bereits angekleidet, fiele ihnen ein, sie hätten den unrechten Unterrock an, entweder einen zu dünnen oder einen zu dicken, einen zu kurzen oder einen zu langen; siebenmal verliessen sie das Haus und siebenmal fiele es ihnen ein, sie hätten was vergessen, siebenmal kehrten sie wieder heim, fingen das Nisten wieder von vorne an, liessen läuten in Gottes Namen und heulten dann vor den Türen. Käme endlich nach der Ewigkeit noch ein Tag, und Gott liesse aus Gnade wieder läuten für alle die, welche noch hineinmöchten, es wären die gleichen Weiber, welche doch wieder zu spät kämen. Der liebe Gott kennt wohl diese Eigenschaft der Weiber. Im Talmud, einem jüdischen, merkwürdigen Buche, soll folgende Erzählung stehen: Als Moses seine Israeliten nicht aus Aegypten bringen konnte, weil Pharao es wohl erlaubte, aber dann immer Zeit hatte, reuig zu werden und den Befehl zurückzunehmen, erleidete Moses die Sache. Er klagte Gott, wie es ihm erginge, er bringe die Israeliten nicht vom Fleck, und Pharao werde alleweil wieder reuig. Da habe Gott dem Moses gesagt: «Ach Moses, schon so alt und immer noch so dumm, aus dir wird dein Lebtag nichts, denn du kennst die Weiber nicht; unter ihnen sind viele Schleiftröge und werden es bleiben. Die können nicht zum Lande hinaus, die eine wird nie fertig, die andere kann nie anfangen, der einen will der Brei nicht kochen, der anderen das Brot nicht haaben, die dritte sucht Grünes auf die Fleischsuppe, der vierten ist die Pfanne nicht rein genug, die fünfte sieht nicht Vorräte genug, die sechste hat vergessen, dem Manne die Schuhe zu salben, die siebente hat dem Manne den Stock verbraucht, wie, weiss sie selber nicht, die achte tut noch einen Blick in den Spiegel und steht davor wie Lots Weib vor Sodom und Gomorrha, die neunte putzt den Erstgebornen, die zehnte packt die Reste zusammen, das eine Tuch ist zu klein, ein anderes reuet sie, ein drittes hat Löcher, ein viertes könnte verloren gehen, die elfte wird nicht fertig, zusammenzutreiben, was sie ägyptischen Weibern geliehen gegen artige Prozente, die zwölfte nicht mit Zusammenleihen zu einer Badekur in dem Roten Meere gegen charmante Versprechen. Derweilen macht das Ding dem Pharao Langeweile, begreiflich, und er sagt: ‹Alleweil ihr nicht fortkönnt, müsst ihr bleiben!› Begreifs und mach es anders! Lasse nichts backen und nichts packen, jage einen Schrecken unter die Weiber, dann sieh, wie sie laufen, akkurat wie auch die Hühner fliegen können, wenn plötzlich Angst über sie kommt.» Das begriff Moses, befahl das ungesäuerte Brot, die Schuhe an den Füssen, die Stäbe in den Händen, befahl das Aufessen damit es keine Reste gebe, und Gott schreckte mit dem Erzengel. Nun, das half, die meisten Weiber bekamen Beine, aber nach dem Talmud sollen doch bei siebentausend in Aegypten zurückgeblieben sein, und bloss wegen Nisten und Zögern.

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 6. September 2002