Soll ich – soll ich nicht?

Robert Walser

Nun red’ ich von einer

ZEITUNG

Deutlich sah ich sie; wie hätte ich sie nicht sehen sollen? Hing sie doch ganz in meiner Nähe. Sehnt’ ich mich nach ihr? Sollt’ ich sie zu mir nehmen? Zweifelnd saß ich da und kam zu keinem Entschluß.

Zweierlei lag in mir, erstens war ich neugierig, zweitens war ich’s wieder keinesfalls. Im Grunde war sie mir wurst, wieder im Grunde vermochte ich mich von ihrem Anblick kaum zu trennen.

Ihren Titel las ich recht gut, er wirkte faszinierend. Tatsache ist, daß sie mich lockte, sie hatte etwas Prickelndes. Wiederum stieß sie mich eigentlich ab. Indem sie mich hinriß, wollt’ ich gar nichts von ihr wissen. Das war widerspruchsvoll.

Mein Wunsch, mich in sie zu versenken, war Wahrheit, obschon ich mir das Ansehen gab, als wär’ ich total erhaben. Meine Gleichgültigkeit war bloß gespielt. Wahrheit ist, daß sie mich anzog.

Was mochte sie enthalten? War das für mich ersprießlich? So sehr ich von ihrer Unwichtigkeit überzeugt war, trieb’s mich, zu ihr hinzueilen, damit mir nicht etwa ein anderer zuvorkäme.

Ich hatte Lust, sie nicht zu beachten, und hatte wieder die größte Lust, Bekanntschaft mit ihr zu machen.

Ohne sie konnte man kaum auskommen. Alle gingen zu ihr. Sich mit ihr zu befassen, schien für alle eine Gewohnheit. Nur ich machte mir nichts aus ihr?

Draußen schien die Sonne, ich saß da und kam nicht von der Lockung los und nicht von der Neigung los, aber ebenso wenig von der Abneigung.

Fraglos bedeutete sie viel. Dies und jenes stand darin, ich brauchte es bloß in mich aufzunehmen. Was geschah jedoch, wenn ich das tat? Das eben war fraglich.

Schon wollt’ ich auf sie hineilen und mich mit ihr abgeben, aber im letzten Augenblick besann ich mich und entzog mich ihr, doch nein, es war so:

Ein anderer kam mir zuvor, hielt sie fest in Händen, derart, daß meinerseits der Verzicht leicht war, worüber ich froh war. Ich ging hinaus, wie prangte der Himmel, wie glücklich fühlt’ ich mich, daß mir einer zuvorkam.

Zwar nahm er mir etwas weg, doch gönnt ich’s ihm von Herzen. O, man muß nur nicht mißgünstig sein, dann geht’s einem gut, hab’ ich recht oder nicht?

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 28. Sep. 2003