Ein Liebesmahl

Henry Fielding

Zuerst flogen aus zwei lieblichen blauen Augen, deren Kreise bei der Entladung helle Blitze schossen, zwei scharfe Blicke; doch zu unseres Helden Heil trafen sie statt ihres Zieles nur ein mächtiges Stück Rindsbraten, das er eben auf seinen Teller hob, und richteten so keinen Schaden an. Die schöne Kriegerin erkannte ihren Fehlschlag; aus ihrem schönen Busen holte sie alsbald einen tödlichen Seufzer hervor, einen Seufzer, den niemand ungerührt hätte vernehmen können und der kräftig genug war, ein Dutzend Schönlinge hinzuraffen, dabei so sanft, so süß, so zärtlich, daß die davon durchschmeichelte Luft den Weg zum Herzen unseres Helden hätte finden müssen, wäre sie nicht durch das rücksichtslose Gesprudel des braunen Trankes, den er sich aus einer eben geöffneten Bierflasche eingoß, von seinen Ohren vertrieben worden. Sie versuchte es noch mit mancher andern Waffe, allein der Gott der Mahlzeiten (wenn es eine solche Gottheit gibt, was ich nicht ganz zuversichtlich behaupten kann) beschützte seinen Eingeweihten; aber vielleicht ist es nicht dignus vindice nodus**, und die gegenwärtige Sicherheit des Herrn Jones könnte sich aus einer mehr natürlichen Wirkung erklären lassen; denn wie die Liebe oft vor dem Anfall des Hungers schützt, so vermag wohl auch in einzelnen Fällen der Hunger uns vor der Liebe zu bewahren.

Die Schöne, durch ihre vielen Enttäuschungen verärgert, entschloß sich zu einem kurzen Waffenstillstand. Diese Frist benützte sie dazu, jedes Werkzeug des Liebeskrieges bereitzuhalten, um den Angriff zu erneuern, sobald die Mahlzeit beendet wäre.

Kaum war das Tischtuch abgenommen, als sie wiederum mit ihren Operationen begann. Zuerst, nachdem sie ihr rechtes Auge seitwärts gerichtet, schoß sie aus dessen Winkel einen scharfen, durchdringenden Blick, der, wenn auch ein großer Teil seiner Kraft verausgabt war, bevor er unsern Helden erreichte, sich doch nicht ohne alle Wirkung verflüchtigte. Als die Schöne solches wahrnahm, zog sie die Augen plötzlich von ihm ab und richtete den Blick zu Boden, wie wenn sie bereute, was sie getan hatte; doch beabsichtigte sie damit nur, seine Wachsamkeit einzulullen und ihn dazu zu bringen, daß er die Augen öffnete, durch die sie gewillt war sein Herz zu überrumpeln. Und jetzt, indem sie die beiden glänzenden Augensterne, die bereits einigen Eindruck auf Jones gemacht hatten, sanft emporhob, gab sie lächelnd eine Salve von kleinen Reizen aus allen Gegenden ihres Gesichtes ab. Es war kein Lächeln der Heiterkeit oder der Freude, sondern ein Lächeln voll tiefer Empfindung, wie solches den meisten Damen ständig zu Gebote steht und das ihnen dazu noch erlaubt, ihr ausgeglichenes Gemüt, die hübschen Grübchen in ihren Wangen und ihre weißen Zähne zu zeigen.

Dieses Lächelns Gewalt traf voll in unseres Helden Augen, und augenblicklich war seine Kraft wie gebrochen.

**Ein Knoten, würdig eines (Gottes), der ihn löst (Horaz) (Anmerkungen des Übersetzers).

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 1. Apr 2003