Essen bei Frau Aebi

Robert Walser

«Ich vermag unmöglich weiter zu essen», sagte ich dumpf und gepreßt. Ich war schon nahe am Ersticken und schwitzte bereits vor Angst. Frau Aebi sagte:

«Ich darf keinesfalls zugeben, daß Sie schon aufhören wollen, abzuschneiden und einzustecken, und nimmermehr glaube ich, daß Sie wirklich satt sind. Wenn Sie sagen, daß Sie bereits am Ersticken seien, so sagen Sie ganz bestimmt nicht die Wahrheit. Ich bin verpflichtet, zu glauben, daß dies nur Höflichkeiten sind. Auf jederlei geistreiches Geplauder verzichte ich, wie gesagt, mit Vergnügen. Sie sind sicherlich hauptsächlich hierher gekommen, um zu beweisen, daß Sie ein starker Esser sind, und zu bekunden, daß Sie Appetit haben. Diese Anschauung darf ich unter keinen Umständen preisgeben; vielmehr möchte ich Sie herzlich bitten, sich in das Unvermeidliche gutwillig zu schicken; denn ich kann Ihnen versichern, daß es für Sie keine andere Möglichkeit gibt, vom Tisch aufzustehen, als die, die darin besteht, daß Sie alles, was ich Ihnen abgeschnitten habe und fernerhin abschneiden werde, säuberlich aufessen und einstecken.

Ich fürchte, daß Sie rettungslos verloren sind, denn Sie müssen wissen, daß es Hausfrauen gibt, die ihre Gäste so lange nötigen, zuzugreifen und einzupacken, bis dieselben zerbrechen. Ein klägliches, jämmerliches Schicksal steht Ihnen bevor; doch Sie werden es mutig ertragen. Irgendein großes Opfer müssen wir alle eines Tages bringen!

Gehorchen Sie und essen Sie! Gehorsam ist ja so süß. Was kann es schaden, wenn Sie dabei zugrunde gehen? […]»

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 1. Apr 2003