Selbstbefleckung (Onanie, Manustupratio, Masturbation)

Pierer’s Universallexikon 1857–1865

»Treiben Sie Frühsport?«
»O na nie!«
Gespräch in der Praxis

eine Ausartung des Geschlechtstriebes bei beiden Geschlechtern, namentlich im jugendlichen Alter, wobei durch Anbringung äußerer Reize an den Geschlechtstheilen wollüstige Gefühle, selbst bis zur Ausleerung von Samen od. anderer Feuchtigkeit erregt werden.

Zu den Veranlassungen der S. gehören außer einer weichlichen Erziehung, namentlich einer zu nährenden, erhitzenden Kost, dem Gebrauch der warmen Federbetten, bes. jede Reizung, folglich jede unnatürliche Pressung der Geschlechtstheile, nicht nur durch, bei Wärterinnen so gewöhnliche Berührung, um Kinder zu beruhigen, sondern auch enge zusammenpressende Kleidung, namentlich der zu frühe Gebrauch der Beinkleider; ferner Reiz der Geschlechtsglieder durch Reiten auf Stöcken u. Spielpferden, durch Schaukeln auf den Knien, durch Herabgleiten an Treppengeländern, durch Übereinanderschlagen der Schenkel beim Sitzen, durch Verstecken der Hände in den Unterkleidern, Müssiggang u. Langeweile, Verletzung der Schamhaftigkeit durch frühe Schäkereien mit kleinen, unbekleideten Kindern, gemeinschaftliches Baden ohne Badekleider, gemeinschaftliches Aus- u. Ankleiden heranwachsender Kinder, bes. beider Geschlechter, schmutzige Reden, Bilder, Spielzeuge, sehr sinnliche Liebkosungen Erwachsener in Gegenwart der Kinder, verführende Lectüre, zu große Annäherung junger Leute, enges Wohnen u. Schlafen bei einander, Vertraulichkeit zwischen verschiedenen sowohl, als gleichen Geschlechtern, langes Verweilen auf heimlichen Gemächern, eigentliche Verführung durch ältere Personen, selbst gewisse, oft wiederholte Arten der Züchtigung, bes. das Schlagen mit der Ruthe.

Die gewöhnlichen, jedoch nicht selten täuschenden Merkmale dieses Lasters sind: Blässe des Gesichts, bes. der Lippen, häufige u. plötzliche Veränderung der Gesichtsfarbe, eingesunkene hohle, trübe u. scheue Augen, mit dunkeln Ringen umzogen, Erschlaffung der Muskeln des Gesichts, Verlegenheit beim scharfen Ansehen, häufige Ausschläge u. Blüthen an Nase, Stirn u. Wangen, ekelhafter Geruch aus dem Munde, matter ziehender Gang, Anwandlungen von Ohnmacht bei längerem Stehen, Zittern u. schnelle Ermattung der Hände, Beben der Stimme, Erschöpfung bei jeder noch so kleinen Anstrengung. Dieselben Erscheinungen findet man jedoch auch bei vielen jungen Leuten, welche an Würmern, unreinen Säften, Hektik etc. leiden, od. einen durch zu frühe geistige Anstrengung geschwächten Körper haben. Charakteristisch sind bei den meisten: starke Reizbarkeit des Charakters aus Nervenschwäche, heftige Rührungen, selbst Thränen ohne eigentlichen Anlaß, Mißmuth, Furchtsamkeit, Zerstreutheit der Seele, verbunden mit plötzlichem Erschrecken, Unruhe, Ängstlichkeit, starres Vorsichhinsehen, sichtbare Wirksamkeit beim Lesen solcher Stellen, welche die Sinnlichkeit rege machen, Erschrecken bei jeder Überraschung, Stumpfheit der Sinne u. des Fassungsvermögens, u. dies an manchen Tagen u. in manchen Stunden mehr als in anderen, Verschlimmerung der Gemüthsart.

Besorgniß erregen: Hang zur Einsamkeit, Gleichgültigkeit gegen laute Spiele u. Vergnügungen, Blödigkeit, Zurückgezogenheit vom Umgange mit dem andern Geschlechte, mehr noch aber langes Verweilen an dunkeln Orten, auf heimlichen Gemächern, unanständige u. unruhige Lagen, Stellungen u. Bewegungen des Körpers, Verbergung der Hände in Unterkleidern u. unter den Betten, Aufenthalt im Bette über die Zeit des Schlafens, häufiges Vorkommen von grauen Flecken im Bettzeuge (doch öfters auch durch Pollutionen veranlaßt) etc. Aufmerksamkeit verdient der zu vertraute Umgang junger Leute gleichen Geschlechts.

Folgen: durch zu lange Übung dieses Lasters entstehen nun körperliche Leiden aller Art, namentlich die mannigfaltigsten Nervenzufälle, Krämpfe, Störung der ganzen Ernährung u. Reproduction, allmälige Abzehrung, namentlich sogenannte Rückenmarksverzehrung, Schwäche u. übermäßige Reizbarkeit der Geschlechtstheile u. daraus Impotenz, selbst auch Verschwärungen an der Rückenwirbelsäule u. ein langwieriges, nur mit dem Tode sich endendes Leiden.

Verhütet wird S., wenn man die oben angeführten Veranlassungen vermeidet. Hier ist vielfach darüber gestritten worden, ob man den Zögling über die Gefahr des Lasters belehre od. nicht; in einigen Fällen mag die Warnung u. Belehrung besser unterbleiben, in vielen aber sind sie das einzige Rettungsmittel. Entdecken soll man das Übel nach den obigen Merkmalen, doch erfordern sie sämmtlich große Behutsamkeit, um nicht durch übereilte Anschuldigungen u. grundlosen Verdacht mehr zu schaden als zu nützen.

Die Heilung ist schwer, aber nicht unmöglich. Das Meiste hängt von dem Grade ab, worin das Laster zur Gewohnheit wurde, theils von der übrigen Beschaffenheit des Verstandes u. Herzens des zu Heilenden. Zu den physischen Mitteln gehören Zwangsmittel, welche die Ausübung des Lasters physisch unmöglich machen sollen, als: Infibulationen, Festbinden der Hände, Onaniesperrer; selbst Castration hat man vorgeschlagen, in den Fällen, wo die Gewohnheit den höchsten Grad erreicht u. der freie Wille alle Kraft verloren hat. Dabei müssen die Veranlassungen vermieden u. zweckmäßige Diät, starke körperliche Bewegung, kalte Bäder, in manchen Fällen geeignete Arzneimittel angewendet werden.

Die moralischen Heilmittel setzen voraus, daß man mit dem Kranken über seinen Zustand offen redet; wo man bestimmte Merkmale hat, verhehle man ihm das nicht, sondern spreche ruhig u. sanft seinen Verdacht gegen ihn aus, behandle ihn aber nicht als Verbrecher; sodann belehre man über die Folgen des Lasters, wobei man sich aber vor Übertreibung zu hüten hat; dann versuche man auf den Willen zu wirken; durch Erregung des Schamgefühls, als lese man das Laster auf dem Gesichte etc., u. endlich durch Unterstützung der Reuigen u. Besserung der Entschlossenen; vor Allen muß das Zutrauen erhalten werden; der Rath bestehe in vernünftiger Anleitung, was zu thun, was zu vermeiden sei, in Empfehlung guter Lectüre, reineren Umganges, bes. mit tugendhaften Personen anderen Geschlechts.

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 5. August 2005