Tod einer Fliege

Raymond Chandler

Ich hatte die Schmeißfliege seit fünf Minuten verfolgt, ich wartete darauf, daß sie sich niederließ. Sie wollte sich nicht niederlassen. Sie wollte einfach Loopings machen und den Prolog zu ›Bajazzo‹ singen. Ich hielt die Fliegenklatsche hoch in der Luft, fertig zum Zuschlagen. Auf der Schreibtischecke war ein heller Flecken Sonnenlicht, und ich wußte, früher oder später würde sie dort landen. Aber als sie landete, sah ich sie nicht gleich. Das Surren hörte auf, und da saß sie. Und dann klingelte das Telefon.

Langsam und geduldig, zentimeterweise, streckte ich meine linke Hand danach aus. Langsam nahm ich den Hörer auf und sprach sanft hinein: »Bitte warten Sie einen Augenblick.«

Ich legte den Hörer behutsam auf die braune Fließpapier-Unterlage. Die Fliege war noch da, glänzend, blaugrün und voller Schlechtigkeit. Ich holte tief Atem und schlug zu. Was von ihr übrig war, flog halb durch den Raum und fiel auf den Teppich. Ich ging hin, nahm sie an ihrem heilen Flügel und ließ sie in den Papierkorb fallen.

»Danke, daß Sie gewartet haben«, sprach ich in den Hörer.

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 14. März 2002