Ronny erwacht

Friedrich Glauser

Er hatte Zeit, darum hielt er das bei einem Hundeerwachen vorgeschriebene Ritual genau ein; und es setzt sich zusammen, dieses Ritual, wie folgt: Strecken des Körpers mit flach auf den Boden gelegten Vorderpfoten und erhobenem Hinterteil. Dazu ein zweimaliges Gähnen, und die Zunge ringelt sich im weit aufgesperrten Maule wie bei einem Wappenleu. Ist diese Adagiobewegung vollendet, so kehren die vier Pfoten in die senkrechte Lage zurück, und furioso folgt ein Schütteln des ganzen Körpers, das je nach Länge und Tiefe des Schlafes mehr oder minder lang dauert. Erst nach diesen Zeremonien ist der Weg in die Außenwelt frei: Die Augen erspähen bekannte Gestalten, und falls diese sympathisch sind, gerät das Hinterteil in begeistert-schlängelnde Bewegung, die mit einem langsamen Vorrücken zusammenfällt. Der Schwanzstummel wimpelt hin und her, die Vorderbeine beginnen die Luft zu Schaum zu schlagen, dann tritt Ruhe ein, die sitzenden Gestalten werden sanft mit der Schnauze angestoßen (man muß die Stummen aufmerksam machen, daß Ronny aufgewacht ist), und dann wird man wohl mit Tätscheln und mit der bekannten Lautfolge begrüßt: «Ja, ja, guter Hund.» Dann kann man ein sanftes Knurren einschalten, es mit einem Niesen unterbrechen (dann lachen die Sitzenden gewöhnlich), und alles auf dieser Hundewelt ist in bester Ordnung.

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 19. Juni 2005