Die Portofrage

Gottfried Keller an Theodor Storm

Zürich 26 Febr. 1879.

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Da wir an Geldsachen sind, so will ich gleich noch einen wichtigen Punkt zur Sprache bringen. Sie haben nämlich schon einige Male Ihre Briefe mit 10 Pfennigmarken frankirt, während es nach außerhalb des Reiches 20 sein müssen. Nun habe ich eine Schwester u. säuerliche alte Jungfer bei mir, die jedesmal, wenn sie das Strafporto von 40 Pfennigen in das Körbchen legt, das sie dem Briefträger an einer Schnur vom Fenster des 3t. Stockes hinunter läßt, das Zetergeschrei erhebt: Da hat wieder Einer nicht genug frankiert! Der Briefträger, dem das Spaß macht, zetert unten im Garten ebenfalls u. schon von Weitem: Jungfer Keller, es hat wieder Einer nicht frankirt! Dann wälzt sich der Spektakel in mein Zimmer: Wer ist denn der wieder? (An Ihren Beraubungen haben Sie nämlich Concurrenz in den oesterreichischen Backfischen, die an alle Dichter der letzten jeweiligen Weihnachtsanthologie um Autographen schreiben, sofern der Wohnort des betreffenden Classikers aus dem Buche ersichtlich ist) Den nächsten Brief dieser Art, schreit die Schwester fort, wird man sicherlich nicht mehr annehmen! Du wirst nicht des Teufels sein! schrei ich entgegen. Dann sucht sie die Brille, um Adresse u. Poststempel zu studiren, verfällt aber, da sie meine offenstehende warme Ofenröhre bemerkt, darauf, die Erbssuppe von gestern zu holen u. in die Wärme zu stellen, so daß ich den schönsten Küchengeruch in mein Studirzimmer bekäme, was sonderlich für den Fall eines Besuches angenehm ist. «Raus mit der Suppe!» heißt’s jetzt «und stell' sie in Deinen Ofen!» — «Dort steht schon ein Topf, mehr hat nicht Platz, weil der Boden abschüssig ist!» Neuer Wortkampf über die Renovation des Bodens, endlich aber segelt die Suppe ab u. die Portofrage ist darüber für einmal wieder vergessen; denn mit der Suppe hat Angriff u. Vertheidigung, Sieg u. Niederlage gewechselt.

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Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 29. Mai 2005