Nachsichtig

Johann Nestroy

1.
Wir sind vorsichtig, wenn sich ein Liebhaber zeigt
Und verbergn ihm langmächtig, daß wir ihm geneigt,
Wir sind vorsichtig vor dem entscheidenden Schritt
Und erkundigen uns genau um seine Conduit;
Wir fragen vorsichtig nach, dort und da in der Stadt
Ob er Liebschaften, Schuldn oder ein Dusel oft hat.
Da erfahrt m’r allerhand und sagt: «Freund, es is nix!»
«Ha» schreit er «du magst mich nicht? gut, augenblicks
Schieß ich mir drey Kugeln in d’Herzgrubn hinein!»
Was bleibt eim da übrig, als nachsichtig sein.

2.
Wir sind vorsichtig, wachn über d’Cassa als Fraun
Daß wir sehn wenn er heimlich ein Geld thut verhaun,
Wir sind vorsichtig, wenn wir ein Mann habn und schaun
Wenn er ausgeht alleinig, ob ihm auch zu traun,
So kommt man ganz vorsichtig ihm auf die Schlich;
Und schreit dann: «Ha Elender, so täuschst Du mich!?»
Da wird er kasweis, verliert d’Fassung und schwört
Es wird nie mehr geschehn, kniet sich nieder auf d'Erd, –
Na jetzt ’s eigne Gwissen is just auch nicht ganz rein,
Was bleibt eim da übrig, als nachsichtig sein.

3.
Wir sind vorsichtig, wenn der Mann ’s Podagra hat
Damit er nicht in seine Launen hineing’rath’t;
Wir schaun vorsichtig, daß er sein Thee pünktlich kriegt,
Daß die Schlafhauben am nehmlichen Platzl gwiß liegt.
Wir sind vorsichtig, daß ka Speiß schlecht aum Tisch kummt
Weil er wegen einer Einmachsoß vierzehntag brummt,
Man laufet gern vorsichtig auf und davon,
’s Is nix G’schenktes wenn die Zeit anruckt, wo so ein Mann
Statt der Zärtlichkeit kagetzt* Jahr aus und Jahr ein,
Da bleibt wohl nix übrig, als nachsichtig sein. –

*kagetzt: hüstelt; trocken und abgebrochen husten.

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 6. Januar 2006