Auf dem Mississippi

Mark Twain

Nirgends ein Laut – alles völlig still – genau, als wenn die ganze Welt schlief, nur manchmal quakten vielleicht die Ochsenfrösche. Das erste, was man sehen konnte, wenn man über das Wasser guckte, war so ’ne Art undeutliche Linie – das war der Wald auf der andern Seite, weiter war nichts zu erkennen; dann kam ’ne blasse Stelle am Himmel; darauf breitete sich das Blasse ringsum weiter aus; danach wurde der Fluß in der Ferne heller und war nicht mehr schwarz, sondern grau, und ganz weit weg konnte man kleine schwarze Punkte herabtreiben sehen – Handelsprähme und so was, und auch lange schwarze Striche – Flöße; manchmal war das Quietschen von ’nem Ruder oder das undeutliche Gemurmel von Stimmen zu hören – denn es war so still, und die Geräusche schallten so weit; und nach ’ner Weile war auf dem Wasser ein Streifen zu sehen, und durch die Art, wie der Streifen aussah, wußte man, daß dort in der starken Strömung ’n Snag lag, an dem sie sich brach, und deshalb sah der Streifen so aus; man sah wie sich der Nebel vom Wasser hochkräuselte, und dann wurde der Osten rot und danach der Fluß, und weit weg drüben auf dem andern Ufer konnte man am Waldrand ’ne Blockhütte unterscheiden, wahrscheinlich ein Holzplatz, auf dem das Holz von diesen Betrügern so licht aufgestapelt war, daß man überall ’nen Hund hätte durchwerfen können; nun erhob sich ’ne angenehme Brise und kam von drüben her, einen zu fächeln – so kühl und frisch war sie und so lieblich duftend von den Wäldern und den Blumen, aber manchmal auch nicht, weil die Leute tote Fische hatten rumliegen lassen, Hornhechte und so was, und die stinken ziemlich; und danach ist’s dann heller Tag, und alles lächelt in der Sonne, und die Singvögel schmettern nur so drauflos!

Jetzt war 'n bißchen Rauch nicht zu sehen, und deshalb nahmen wir ein paar Fische von den Haken und kochten uns ein heißes Frühstück. Hinterher beobachteten wir dann den einsamen Fluß und faulenzten rum und faulenzten uns nach und nach in Schlaf. Eine Weile drauf wachten wir auf und guckten nach, was uns geweckt hatte, und dann sahen wir vielleicht ’nen Dampfer, der schnaufend stromaufwärts fuhr und so weit weg beim andern Ufer war, daß man gar nichts über ihn sagen konnte, nur ob er Heck- oder Seitenräder hatte; dann war etwa ’ne Stunde lang nichts zu hören und nichts zu sehen – nichts als bloß tiefste Einsamkeit. Als nächstes sah man weit drüben ’n Floß vorbeigleiten, und vielleicht stand ein Kerl drauf und hackte Holz, weil sie das auf ’nem Floß fast immer tun; dann sah man die Axt aufblitzen und runtersausen – man hörte nichts, dann sah man die Axt wieder hochgehen, und wenn sie über dem Kopf von dem Mann war, hört man das »Wumm!« - so lange hatte’s gebraucht, um übers Wasser zu kommen.

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 29. August 2007