Einkaufen – wie im Märchen

Tausendundeine Nacht

Mit zarten Worten und süßer Stimme sprach sie ihn an: «Träger, nimm deinen Korb und folge mir.» Der Träger nahm bei diesen Worten so schnell er konnte seinen Korb auf und eilte ihr hinterher. «Welch ein Glückstag, welch ein erfolgreicher Tag!» sagte er zu sich selbst, während er sich ihr anschloß. Sie ging vor ihm her und blieb dann vor der Tür eines Wohnhauses stehen. Sie klopfte an. Ein alter Mann, ein Christ, kam herunter. Sie gab ihm einen Dinar und erhielt dafür von ihm eine olivgrüne Flasche. Die legte sie in den Korb und sagte dann: «Träger, nimm deinen Korb und folge mir.» – «Gern», sagte der Träger, «o Glückstag, o Jubeltag, o Freudentag!» Damit nahm er den Korb auf und folgte ihr. Vor dem Laden des Obsthändlers hieß sie ihn wieder stehenbleiben. Dort kaufte sie Äpfel von der Sorte Fathi, osmanische Quitten, Challani-Pfirsiche, Moschusäpfel, einen Strauß Jasmin der Sorte Hall Fasadati, Lotusblumen aus Damaskus, kleine Herbstgürkchen, Zitronen der Sorten Marakibi und Sultani, Myrte, Basilikum, Reseda, Kamillenblüten, Levkojen, einen Strauß Iris, Lilien, Anemonen, Veilchen, Ochsenaugen, Narzissen und Sonnenblumen. Alles das tat sie in den Korb des Trägers, und er folgte ihr weiter.

Als nächstes machte sie beim Fleischer Halt. «Schneide mir zehn Pfund mageres, gutes Fleisch ab!» sagte sie und bezahlte auch gleich den Preis dafür. Der Fleischer schnitt ihr zurecht, was sie sich aussuchte, wickelte das Fleisch ein und gab ihr das Paket. Sie legten es ebenfalls in den Korb und taten noch etwas Holzkohle dazu. Dann wies sie den Träger wieder an: «Nimm deinen Korb und folge mir!» Der Träger begann sich zu wundern. Er hob sich den Korb auf den Kopf, und sie gingen zu einem anderen Kaufmann. Dort kaufte sie die leckersten Spezialitäten, nämlich eingesalzene Sperlinge, gespaltene und gestampfte Oliven, Estragon, Sauerrahm, Damaszener Käse, saures Gemüse, gesüßt und ungesüßt, von allem soviel sie brauchte. Sie tat es in den Korb des Trägers und sagte: «Träger, nimm deinen Korb und folge mir.» Der Träger hob den Korb auf und folgte ihr.

Die Dame aber ging von dem Kaufmann gleich weiter zu einem Nußverkäufer. Von ihm kaufte sie Pistazienkerne, solche, die man zum Dessert verwendet, Rosinen aus Aleppo, Mandelkerne, irakisches Zuckerrohr, Baalbeker Süßigkeiten, die aus Stärkemehl, Zucker, Mastix und Pistazien zubereitet waren, Haselnußkerne, geröstete Kichererbsen und noch dazu verschiedene andere Sorten gerösteter und gesalzener Kerne, soviel sie brauchte. Alles das lud sie in den Korb des Trägers, dann wandte sie sich zu ihm um mit den Worten: «Träger, nimm deinen Korb und komm mit mir.» Er hob den Korb auf und eilte ihr nach.

Nun blieb sie beim Süßwarenhändler stehen und kaufte einen riesigen Teller, auf dem alle Sorten Süßigkeiten, die er anzubieten hatte, angeordnet waren: Kairiner süße Stückchen, geflochtene Zöpfe nach Art der Armenier in Bailakan, dreieckige Blätterteigkrapfen, gefüllt und mit Moschus parfümiert, eine weiche, lockere Süßspeise mit dem Namen «Wunder von Umm Salih», osmanisches Schmelzgebäck, in Sesamöl fritierte Dattelpasteten, Mandel-Honig-Gelee, süße Fladen aus Marzipan, Amberkämme, Küchlein mit dem Namen «Finger von Banid», Witwenbrot, eine persische Spezialität mit Namen «Basandud», Kadi-Häppchen, eine Sorte, die man «Iß und sag danke» nannte, Zuckerbiskuits der Marke «Für feine Leute» und Liebesplätzchen. Alle diese verschiedenen Sorten Süßigkeiten ließ sie auf einem Teller anordnen und stellte ihn dann in den Korb.

Da sagte der Träger zu ihr: «Gute Frau, hättest du mir das nicht eher sagen können? Dann hätte ich ein Lastpferd oder ein Kamel mitgenommen, um all diese Einkäufe zu tragen.» Sie aber lächelte nur und ging weiter zu einem Drogisten, von dem sie zehn Flaschen Weidenblütenlikör kaufte, ebensoviel Lotuswasser, zwei Zuckerhüte, eine Spritzflasche Rosenwasser mit Moschusaroma, ferner Moschus, Weihrauchharz in Kieselform und Aloe mit Amber zum Räuchern, Leuchterkerzen aus Wachs und solche für die Handlaterne. «Träger», sagte sie, nachdem sie alles in den Korb geladen hatte, «nimm deinen Korb und komm mit mir.» Und der Träger nahm den Korb.

Sie ging vor ihm her, bis sie endlich an ein hübsches Wohnhaus gelangte, vor dem sich ein weiter Platz öffnete. Das Haus war hoch gebaut und mit starken Säulen gestützt. Die beiden Flügel der Eingangstür bestanden aus reinem Elfenbein und waren mit funkelndem Gold überzogen. Vor dieser Tür blieb die Dame stehen. Sie klopfte leise.

Da erreichte das Morgengrauen Schahrasad, und sie hörte auf zu erzählen. «Wie köstlich und wie schön ist deine Geschichte!» sagte ihre Schwester. «Was ist das schon», erwiderte sie, «gegen das, was ich euch morgen nacht erzählen werde, wenn ich dann noch lebe und mich der König, dessen Leben Gott verlängern möge, verschont …»

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 4. Mai 2004