Reisen in der Schweiz

Annette von Droste-Hülshoff an Carl von Haxthausen, Ende August 1836

(…) – wir, nämlich Mama und ich mit noch vier Anderen, haben vor 14 Tagen eine kleine Bergreise gemacht, in die Apenzeller Alpen, wo wir fleißig Milch getrunken, Alpenrosen gepflückt, und mitten im August im Schneefelde gestanden haben, das Merkwürdigste aber ist, daß wir binnen 4 Tagen, drey verschiedene Kutscher gehabt haben, wovon Uns der Erste umwarf, der Zweite ein noch ungebrauchtes und der Dritte ein kollriges Pferd vorspannte, so daß wir dreymahl in die gröste Lebensgefahr gerathen sind, – es giebt überhaubt nichts elenderes als einen Schweizer Kutscher, grenzenlos ungeschickt, furchtsam wie alte Weiber, und doch aus Habsucht das Unvernünftigste unternehmend, sie verstehn die Kunst dich auf der ebensten Chaussee auf die Seite zu legen, jeden Stein, jedes etwas tiefe Wagengleis wissen sie dazu zu benutzen, sie kennen sich auch selbst darin, und krüppeln wenigstens die Hälfte jedes Weges mit angelegtem Radschuh, daß man vor Ungeduld aus der Haut fahren möchte, und doch ist der Eigennutz so groß bey Ihnen, daß du nicht erwarten darfst, wenn du einen Kutscher um vier Pferde ansprichst, daß er dir gestehn werde, er habe nur zwey, sondern um den Verdienst nicht zu versäumen, nimmt er lieber die ersten besten zwey Fohlen von der Weide, und setzt ohne Bedenken, sowohl seinen als deinen Hals dran – es geht auch keine Woche hin, daß man nicht von Unglücksfällen hörte, und du magst fragen wen du willst, jeder ist schon vielmahls umgeworfen, und hat auch mitunter Schaden genommen, wär es auch nur ein zerschlagener Kopf oder geschundenes Bein, aber die Leute meinen, das gehöre so dazu. –

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 27. November 2006