Kobragedichte

Claus Sprick

C. Sprick hat sich im Raben 30, in dem auch das Nashorn auftaucht, an die Uebersetzung des folgenden Verses von Saki gemacht:

Where the coiled cobra in the gloaming gloats,
And prowling panthers stalk the wary goats…

Saki in: «The Recessional»

Dem ersten Anlauf fehlt noch der rechte Schwung:

Wenn Dämmrung der Kobra häm’sche Freude deckt
und leiser Panther Gier die Ziegen schreckt…

Aber dann, nach einem furiosen Anlauf:

Die Kobra feixt im fahlen Dämmerlicht;
der Ziege Zetern rührt den Panther nicht.

… verschwinden nach und nach die Hemmungen:

Die Kobra ist nur vorne dick;
wer hinten Singh heisst, ist ein Sikh.

Und dann bersten alle Dämme:

Kaum beisst die Kobra einen Mann,
zündet man die Witwe an.

Der Panther ist ein Ziegentöter,
die Kobra mehr ein Leisetreter.

Wenn in der Dämmerung die Kobra hämisch rasselt,
hat sie die Ziegentour dem Panther längst vermasselt.

Selbst Abschweifungen in die Literatur bleiben der armen Schlange nicht erspart:

Die Kobra ist ein Ringelnatz,
der Panther geht auf Ziegenhatz.

Bisher völlig Unbeteiligte tauchen unvermittelt auf:

Der Kobra tut er leid, der arme Panther:
die Ziege frass der Tiger, ein Verwandter.

Die Kobra beisst des Hirten Kläffer,
bei Panthers gibt’s heut Ziegenpfeffer.

Dafür verschwinden – ebenso unvermittelt und unmotiviert – einzelne Hauptdarsteller:

Die Kobra feixt. Der Abend dämmert.
Die Ziege fehlt. Der Panther guckt belämmert.

Wie man sieht musste sogar die Zensur zuschlagen:

Die Kobra hat jetzt rausgekriegt,
wer heimlich nachts die Ziege flickt.

Da nützen auch faule Ausreden nicht mehr viel:

Die Kobra hört im Dschungel das Gezeter
der Panther fiebert – er hat Ziegenpeter.

Daher auch die sehr richtige Einsicht:

Auf Kobraversen ruht kein Segen
des Panthers und der Ziege wegen.

Wer jetzt aber meint, C. Sprick sei in sich gegangen und habe aufgehört, der irrt: in der Folge überschlagen sich die Ereignisse förmlich

Die Kobra beisst beim Durbar-Fest den Maharaja,
der Panther lockt die Ziege in die Datscha.

Die Kobra beisst beim Durbar-Fest die Maharani,
der Panther lockt die Zieg’ auf Hindustani.

er verschmäht es auch nicht, die perversen Vorlieben der Beteiligten breit zu schildern, ja auszumalen:

Die Kobra liebt das Tadsch Mahal,
der Panther mehr den Ziegenstall.

Dem Panther und der Kobra freilich
sind weder Kuh noch Ziege heilig.

Die Kobra lässt dem Opfer Zeit,
der Panther patscht die Ziege breit.

Der Panther filetiert die Ziege,
die Kobra schleicht zur Kinderwiege.

Und wie wenn das noch nicht scheusslich genug wäre, geht es mit geringen Variationen weiter:

Der Panther filetiert die Hippe,
die Kobra schleicht zur Kinderkrippe.

Noch einmal greift die Zensur – und diesmal brutal – durch:

Die Kobra träumt vom fernen Himalaja,
die Ziege tritt den Panther in die  E  r  ;

und dann bereiten höhere Mächte dem Treiben das verdiente Ende:

In Panthers Klauen fleht die Zie-
ge: Kobra, übernehmen Sie!

[Zwischentexte von mir; das Original steht bei Bedarf zur Verfügung]

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 10. Okt. 2001