Rede an einen Knopf

Robert Walser

[kein Brief – aber doch etwas äusserst Aehnliches]

[…]

«Lieber, kleiner Knopf», sagte ich, «wie viel Dank und gutes Zeugnis ist dir der schuldig, dem du nun schon manche Jahre, ich glaube, daß es über sieben sind, treulich, fleißig und ausharrlich gedient, und den du bei aller Vergeßlichkeit und Nichtbeachtung, die er sich dir gegenüber zuschulden kommen ließ, nie daran gemahnt hast, daß er dich einmal ein bißchen loben soll.

Dies geschieht nun heute, wo ich so recht klar zur Einsicht gekommen bin, was du bedeutest, was du wert bist, du, der du dich während deiner ganzen langen, geduldigen Dienstzeit niemals in den Vordergrund stelltest, um in vorteilhafte, hübsche Beleuchtung oder in einigen schönen, grellen, recht sehr augenfälligen Lichteffekt hineinzustehen, der du dich vielmehr stets mit sicherlich nicht hoch genug zu schätzender, rührender, reizender Bescheidenheit in der unauffälligsten Unauffälligkeit aufhieltest, wo du deine liebe, schöne Tugend in der besten Zufriedenheit übtest.

Wie entzückst du mich, daß du die Kraft bewiesen hast, die sich auf Redlichkeit und Eifer und darauf gründet, weder Lobes noch Anerkennung zu bedürfen, wonach jeder geizt, der etwas leistet.

[…]

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 19. März 2002