Jtens copie.

Ulrich Bräker

27. Brachmonat 1779

Jtä, Meinrads frau, ist ein zimlich langes, hagers weibstük, mit wildgelben augen, spize nase, dünne lipen, schwarzgelizte augenbraun, schönne stirne, einen langlächten kopf mit falben haaren, eingefallne wangen, grose ohren, und ein spizig kinn; einennen hübsch weißen halß; und sonst ein proportionierten graden leib – weise grose waaden, einen schönnen fuß. jhr gang ist nicht tatschig, doch auch nich damenmäsig. – sie ist eine flissige arbeitsame frau, sehr sparsam und mäsig, benügt sich mit wenig und schlechter kost. from, bettend. und dienstfertig, sehr freündlich u. gesprächig. bey trauranlässen und fästen ist sie sehr ändachtig – hat eine scharfe keinderzucht – und bemüht sich viel, auch ihren mann from zumachen. – kurz, sie ist von der guten site eine frau die wenig ihres gleichen hat – keüsch, und sehr streng gegen die unkeüschheit, und andre laster. – nun muß ich von der schlechtern site auch etwas sagen, dan von dieser site hat sie auch wennig ihres gleichen – sie arbeitet mehr als sonst offt zwey frauen, das ist wahr; aber alles was sie thut, thut sie wild und lärmend – poldert im hauß herum wie ein gespenst, schilt und schmählt auf alles was ihr in weg komt. sie jßt wennig und schlecht, liebt keine delicatessen; aber sie schmählt auf alle, die besser leben als sie; sie wil pervorce haben, mann und keinder müßen sich schmeken lassen was ihr schmekt; redt verächtlich von allen speisen die ihr nicht schmeken, oder die sie nicht genießt: schimpfft auf kraut, fleisch, salat. u.d.g. from – ist sie: jhr begrif von der fromkeit ist, nicht stehlen, huren, spillen, tantzen, saufen, u.s.f. hingegen waker arbeiten, haußlich, und schlecht leben – morgens und abends lesen und betten; das thut sie unter centerschwären seüfzern, über die im schwang gehenden sünden und laster, sondelich über ihres manns und keinder ungehorsam und halstarigkeit; blikt auch offt werendem betten wild herum – fahrt mit donnerworten heraus, wan sie beim andern nicht die gleichen empfeindungen der andacht merkt. jhr gebett ist der gottlosen welt eine straffpredig: sie stellt sich gott als einen ernsthafften zornigen mann vor, der alle augenblik im begriff steht, drein zuschlagen; lebt in beständiger forcht sie möchte auch mit getroffen werden; wan donner u. blitz vom himmel die verruchte welt straffen wird. sie dient gerne, wo sie deßtwegen als eine wakre frau gelobt wird. sie ist sehr freündlich und gesprächig, mit den leüten die nach ihrer pfeife pfeifen: und wers nicht thut, über den ergeht ein unbarmhertzig gericht – jm tadeln ist sie unerschöpflich. und wer nicht wie sie denkt, nach ihrem sinn lebt, der wird verdambt. über alle gassen ist sie holdsalig, aber in jhrem hause ist sie eine brüllende löwin: sie gibt mann u. keindern wennig gute worte; wils unmöglich ist nach allen ihren befehlen zu leben. – sie liebt ihren mann hertzlich, und auß lauter liebe hagelt sie den gantzen tag auf jhn loß, in der hofnung ihn einst noch nach ihrem sinn zu ziehen, ohnerachtet sies schon 20 jahr vergeblich versucht hat. jhre kinder wil sie mit gewallt nach ihrem model haben; sie würde einem arm und bein entzwey schlagen, wann sie merkte das dem vatter nacharten wolte. – sie handthiert, wüllt, brüllt, schimpfft, schmählt; und spricht mit ihnen den gantzen tag vom prügeln, und zuhauen: sie – wils wie eine furie, auf ihren tugendweg, und zlezt in himmel nein pochen und poldern: kein schimpfwort ist, das sie ihren keindern nicht anhängt – wan sie in der wuth ist, sind keine nichtswerthere, ungezognere, schändlichere leüte auf gottserdboden anzutreffen, als ihr mann und keinder. – jhre keinder sinds nun gewohnt; aber bey Meinrad hats hart gehalten bis ers gewont war – und noch jez käms ihm offt über den bündel, wan ihn der himel nicht mit muth beschenkte. sie wird ihn von seinen grundsatzen nie abbringen – aber schad ists um die armen keinder – das wilde schnakische wessen können sie schon treflich nachthun, und einander mit bittern schimpf u. schmähworten begegnen. Meinrad sucht zwar zu steüren was er kan – aber er halt nichts vom prügeln; und offt wird er selber betaübt das er nicht weist wo ihm der kopf steht – dann ist sein wahlspruch – was ich nicht ändern kan, nehm ich gedultig an. –

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 11. Februar 2006