Hygiene

Mark Twain

Mary reichte ihm eine Blechschüssel mit Wasser und ein Stück Seife; er ging nach draußen und stellte dort die Schüssel auf eine kleine Bank; dann tauchte er die Seife ins Wasser und legte sie hin, krempelte sich die Ärmel auf, goß das Wasser vorsichtig auf die Erde, kehrte dann in die Küche zurück und begann, sich das Gesicht sorgsam mit dem Handtuch abzuwischen, das hinter der Tür hing. Mary aber nahm ihm das Handtuch fort und sagte: »Schämst du dich denn nicht, Tom? Sei doch nicht so ungezogen. Wasser schadet dir nicht.«

Tom war ein klein wenig aus der Fassung gebracht. Die Schüssel wurde von neuem gefüllt, und diesmal stand er ein Weilchen darüber gebeugt und sammelte Mut; dann holte er einmal tief Atem und machte sich ans Werk. Als er kurze Zeit darauf in die Küche trat, beide Augen fest geschlossen und mit den Händen nach dem Handtuch tastend, tropften ihm Wasser und Seife zum Beweis seiner Ehrenhaftigkeit vom Gesicht. Als er hinter dem Handtuch hervorkam, war sein Zustand jedoch noch immer nicht zufriedenstellend, denn das saubere Gebiet hörte wie eine Maske jäh am Kinn und am Unterkiefer auf; unter und hinter dieser Linie breitete sich ein dunkelfarbiges Gebiet unbewässerten Bodens aus, das sich nach vorn seinen Hals hinunter und nach hinten um diesen herum erstreckte. Mary nahm sich ihn vor, und als sie ihr Werk an ihm beendet hatte, stand er da als einer, bei dem es keinen Unterschied der Hautfarbe gab; sein feuchtes Haar war ordentlich gebürstet, und seine kurzen Locken waren in eine solche Form gebracht, daß eine allgemeine anmutige symmetrische Wirkung erzielt wurde. (Insgeheim glättete er die Locken mit viel Fleiß und Mühe, indem er sich das Haar fest an den Kopf klebte, denn Locken hielt er für weibisch, und seine eigenen erfüllten sein Leben mit Bitterkeit.)

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 6. Mai 2005