Im Gribojedow

Michail Bulgakow

«Wo ißt du heute zu Abend, Amwrossi?»

«Auch eine Frage, hier natürlich, lieber Foka! Archibald Archibaldowitsch hat mir geflüstert, daß es heute Zander naturell gibt. Ein virtuoses Schmeckerchen!»

«Du verstehst zu leben, Amwrossi! » antwortete seufzend der magere, verwahrloste Foka, der einen Karbunkel am Hals hatte, dem rotlippigen, goldblonden, dickwangigen Poeten Amwrossi.

«Ganz und gar nicht», erwiderte Amwrossi, «ich möcht nur leben wie ’n Mensch. Du wirst mir sagen, Foka, man kriegt auch im ‹Kolisej› Zander. Aber im ‹Kolisej› kostet die Portion dreizehn Rubel fünfzehn Kopeken und bei uns bloß fünf fünfzig! Außerdem ist der Zander im ‹Kolisej› drei Tage alt, und du hast dort keine Garantie, daß dir nicht der erstbeste junge Spund, der von der Theaterdurchfahrt reingekommen ist, einen Weintraubenstrunk in die Fresse schmeißt. Nein, ich bin kein Freund vom ‹Kolisej›.» Die Stimme des Schlemmers Amwrossi dröhnte über den Boulevard. «Rede mir nicht zu, Foka!»

«Ich red dir ja gar nicht zu, Amwrossi», piepste Foka. «Man kann auch zu Hause essen.»

«Besten Dank», trompetete Amwrossi, «ich stell mir deine Frau vor, wie sie zu Hause in der Gemeinschaftsküche versucht, in einem Kasseröllchen Zander naturell zu basteln! Hihihi! Au revoir, Foka!» Und unterm Abgeträller eines Liedes strebte Amwrossi der Veranda unter der Markise zu.

Ja-haha … Das gab’s, das gab’s! Alte Moskauer erinnern sich noch an das berühmte Gribojedow! Was war schon der gekochte Zander! Ein Garnichts, lieber Amwrossi! Hingegen der Sterlet, Sterlet in Silberpfanne, Sterlet in Stücken, umlegt mit Krebsschwänzen und frischem Kaviar? Und die Eier à la Cocotte mit Champignonpüree in Tassen? Und die Drosselfilets, haben die Ihnen nicht gemundet? Mit Trüffeln? Und die Wachteln à la Genua? Für neuneinhalb Rubel! Und die Jazzkapelle, und die höfliche Bedienung! Und im Juli, wenn Ihre ganze Familie auf der Datsche war und unaufschiebbare Literaturangelegenheiten Sie in der Stadt zurückhielten, wenn Sie dann auf der Veranda saßen, im Schatten der Weinreben, vor sich im Sonnenschein auf dem blitzsauberen Tischtuch einen Teller Suppe à la printemps? Wissen Sie noch, Amwrossi? Aber was frage ich! Ich sehe an Ihren Lippen, daß Sie’s noch wissen. Was sind schon ihre Schnäpel und Zander! Und die Doppelschnepfen, Halbschnepfen, Bruchschnepfen, Waldschnepfen je nach Saison? Und die Wachteln? Und wenn das Narsan in der Kehle zischte? Aber genug, es lenkt dich ab, Leser! Mir nach!

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 20. März 2003