Frau Margret und Vater Jakoblein

Gottfried Keller

Doch in jeder Jahreszeit ein Mal, wenn in der Natur die grossen Veränderungen geschahen und die alten Menschen an die schnelle Vergänglichkeit ihres Lebens erinnerten und ihre körperlichen Gebrechen sichtbarer wurden, erwachte, meistens in dunklen, schlaflosen Nächten, ein entsetzlicher Streit zwischen ihnen, dass sie aufrecht in ihrem breiten altertümlichen Bette sassen, unter dem Einen buntbemalten Himmel, und bis zum Morgengrauen, bei geöffneten Fenstern, sich die tödlichen Beleidigungen und Zankworte zuschleuderten, dass die stillen Gassen davon widerhallten. Sie warfen sich die Vergehungen einer fern abliegenden, sinnlich durchlebten Jugend vor und riefen Dinge durch die lautlose Nacht aus, welche lange vor der Wende dieses Jahrhunderts in Bergen und Gefilden geschehen, wo seitdem ganze dichte Wälder entweder gewachsen oder verschwunden, und deren Teilnehmer längst in ihren Gräbern vermodert waren.

Sie stellten sich darüber zur Rede, welchen Grund das Eine den zu haben glaube, das Andere überleben zu können, und verfielen in einen elenden Wettstreit, wer von ihnen wohl die Genugtuung haben werde, den Andern tot vor sich zu sehen.

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 20. Mai 2004