Eiszapfen

Gottfried Keller

Der Winter war soweit ein ganz gehöriger und regelrechter Winter, kalt und klar, aber eine warme Schneedecke lag auf den Feldern und verhüllte die junge Saat. Aber dennoch ereignete sich zuletzt etwas Seltsames. Es schneite, thaute und gefror wieder während einiger Wochen im Hornung alle Tage in so häufiger Abwechslung, daß nicht nur viele Menschen krank wurden, sondern auch eine solche Menge Eiszapfen entstand, daß das ganze Land aussah wie ein großes Glasmagazin und Jedermann ein kleines Brett auf dem Kopfe trug, um von den fallenden Spitzen nicht angestochen zu werden. In der kleinen Stadt N. wuchs auf solche Weise ein Eiszapfen vom Dache des Kirchthurmes bis auf die Erde herunter und fror an derselben fest, also daß eine Säule von lauterem Eis neben dem Thurme stand. Weil aber die muthwillige Schuljugend den Zapfen täglich unten beleckte, so befürchtete man, er möchte dadurch unterhöhlt werden und mit Schaden über die Stadt hinstürzen, und der Stadtrath gebot deshalb, denselben bis zu zweidrittel seiner Höhe in Stroh einzubinden. Als nun die Wärme die Oberhand gewann, schmolz der Zapfen unschädlich bis zur Höhe des Strohes, der übrige Theil wurde mit Vorsicht umgelegt, daß er über den ganzen Kirchhof hinlag und die fröhlichen jungen Bursche weißsagten nun, je nach der kürzeren oder längeren Dauer der umgestürzten Säule würde es in diesem Jahrgange mit der Hartnäckigkeit der jungen Jungfern beschaffen sein. Die Mädchen widersetzten sich dieser Weißsagung heftig, waren aber ängstlich begierig, wie es mit dem Eiszapfen ginge, welchen die Bursche allnächtlich mit Feuerbränden bearbeiteten, während sie am Tage aussprengten, die Jungfern hobelten ihn trotz aller Gespensterfurcht alle Mitternacht mit heißen Bügeleisen, um ihr Schicksal zu beschleunigen, ab.

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Zuletzt aktualisiert am 11. Dezember 2003