Unbarmherzigste Zweideutigkeiten und Nuditäten

Ein Briefwechsel zwischen Theodor Storm und Theodor Fontane

Storm and Fontane – Potsdam 24. Juli 1854.

Sie haben, liebster Fontane, neulich einen Stein zwischen uns geworfen, und ich – mit Ihrer Erlaubniß – habe Sie zu lieb, um meiner Seits nicht den Versuch zu machen ihn aus dem Wege zu bringen.

Schon mehrfach hatte ich früher erfahren, und ich meine, ich habe es wenigstens halbwege gegen Sie ausgesprochen, wie Sie über manches meinem Gefühle nach Unantastbare, z.B. über Verhältnisse zu Ihrer Frau sich gegen Dritte nicht allein äußerten, sondern auch in einer Weise, die ich anfänglich mit Ihrem edlen getragenen Wesen nicht vereinigen konnte. […]

So vielleicht kamen Sie denn auch dazu, als wir neulich Abends zusammen von Kuglers kamen, einer, meiner Frau gegenüber, die ihrer Seits doch schwerlich dazu wird Veranlassung gegeben haben, alle Rücksicht ‹Blüthe edelsten Gemüthes› – Sie verzeihen das Citat – abzustreifen, und die unbarmherzigsten Zweideutigkeiten und Nuditäten vor ihr auszuschütten; […]

Herzlich Ihr
TheodorSt.

Fontane an Storm – Berlin, den 25. Juli 1854.

Lieber Storm.

[…]

Es gibt notorische und fragliche Unanständigkeiten. Jene werd’ ich nie begehen, diese sehr oft. Glauben Sie doch nicht, daß um die letzteren irgendwer glücklich herumkomme. Grete Heyse ist außer sich, daß Bodenstedt von ‹ihrem kleinen Leibchen› gesprochen hat, und doch sagte Paul Heyse in einer Damengesellschaft bei Merckels von einer Dame: das Frauenzimmer ist ja nur Kopf und Popo. Einzelne Ihrer schönsten Liebesgedichte werden unanständig gefunden, und ein leises Entsetzen, das noch immer vibriert, lief durch das ganze Königreich Kugler und die angrenzenden Ortschaften, als Sie von Frau Klara ein Zimmer verlangten, um ‹Ihrer Frau die Milch abzunehmen›. Man hat das sehr unanständig gefunden; ich find’ es ganz gemütlich. […]

Ihr
Th. Fontane

Storm an Fontane, [5.8.1854]

Liebster Fontane

[…]

Also – Sie mögen in Vielem, was Sie geschrieben, Recht haben, nur darin nicht, daß Sie zwei so unbefangene Menschenkinder – Sie führen ein nur zu schlagendes Beispiel selber an – zu den Prüden werfen wollen, und vor allem darin nicht, daß Sie Redensarten wie:

Nun will er sich die unglückliche Liebe mit Baden und Turnen curieren; die könnte er sich ja auf eine viel leichtere und bequemere Weise vertreiben!

oder

In den Schooß weinen! – Nä, dazu ist ein Schooß nicht da!

einer Frau gegenüber nicht zu den Notorischen zählen. […]

Ganz Ihr
TheodorStorm

Fontane an Storm – Sonnabend Nachmittag. [5.8.1854]

[…]

Was den streitigen Punkt zwischen uns angeht, so brenn’ ich eigentlich darauf mit Ihnen darüber zu sprechen. Ich geb Ihnen gern zu, daß solche Reden nicht ‹keusch› sind, aber sie sind nicht ‹unanständig›. Vielleicht führt unsere Unterhaltung zu folgendem Compromiß: es hängt alles von dem Ohr ab, das hört. Die Jungfräulichkeit wird beleidigt, aber die alleranständigsten Frauen haben ihre Freude dran.

[…]

Ihr
Th. Fontane

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 30. Mai 2008