Durst

Flann O’Brien

Mr C. Ich begann nämlich auszutrocknen!

Peter Auszutrocknen?

Mr C. Jedes Bißchen von mir fing an zu vertrocknen und zu verdorren. Das erste, was nicht mehr klappte, waren Zunge und Mund. Meine Zunge wurde trocken und bekam Risse. Und dann wurde sie … größer!

Jem Die Wege des Herrn …!

Mr C. Sie schwoll an, bis sie mich fast erstickte, und wurde so hart und trocken wie ein großes, glühendes Stück Schlacke. Mit dieser Zunge konnte ich nicht mehr schlucken! (Alle drei trinken hastig.) Das gesamte Innere meines Mundes wurde genauso trocken und rissig … Und Hals sowie sämtliche inwendigen Innereien folgten.

Peter Der Herr stehe zwischen uns und allem Unheil!

Mr C. Es war wie auf dem Grill – nur ohne Sauce.

Peter Ich könnte mir vorstellen, daß die Augen ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Mr C. Sei du doch still! Die Augen … Die Augen wurden mählich an den Rändern versengt und verbrannt. Und darüberhinaus trocknete der wäßrige Teil in einer Weise aus, die man getrost als beängstigend bezeichnen kann. (Pause.) Bevor ich wußte, wie mir geschah …, waren die Augenbrauen weg!

Peter Nein!

Mr C. Von der Hitze ausgedörrt und abgeflämmt –: Die Hölle als solche. (Stürzt ein weiteres Getränk herunter.) Es war entsetzlich. Da waren wir, und wir stolperten durch die bösartige, bleierne, brühende Bums-Hitze. Die Haut fiel uns in Flocken und Spänen vom Gesicht. Unsere Leiber vertrockneten und verdorrten und wurden so runzlig wie … Backpflaumen! Und das Allerschlimmste: Aus dem Halse kam uns ein heißer, trockener Durst, wie die Stichflamme aus einem Hochofen. Die Lage, mein Gott, sie war verzweifelt. Ver. Zwei. Felt. (Trinkt wieder heftig.) Wißt ihr, was die Jungs zuallererst taten? Beinah jeder von den Jungs? (Pause.) Sie haben sich die Feldflaschen vom Leib gerissen – und in hohem Bogen weggeworfen. Und wißt ihr, warum? Wißt ihr, warum? (Pause.) Ich werde euch sagen, warum. Die Feldflaschen waren aus Metall hergestellt. Aus irgendeiner Art von Anumillijum –, Anumillijum, so dünn wie Papier. Als diese Sonne erstmal angefangen hatte, auf das Metall einzuwirken, brauche ich euch nicht mehr zu erzählen, was passierte. Zunächst erreichte das Wasser fast den Siedepunkt. Selbst wenn man die Flasche in der Hand hätte halten und öffnen können, hätte einem das Wasser nichts genützt –, denn es hätte einem die Kehle verbrüht. Es gab nur eins, was man mit den Flaschen machen konnte: Man mußte sie loswerden! Egal, was passierte.

Peter War das nicht furchtbar? Flaschen voller Wasser wegzuwerfen? Mitten in der Wüste?

Mr C. Genau. Aber was will man machen. Was will man machen?

Jem Sie hätten natürlich die Flaschen in einem tiefen Loch vergraben können und dann zurückkommen, wenn der Durst Sie packt. Dann wäre doch das Wasser kühl und angenehm geworden.

Peter Und was ist danach passiert?

Mr C. Was danach passiert ist, ist nichts, worauf ich schwören möchte, denn … die Hitze begann sich sehr nachteilig auszuwirken, und zwar … hier oben … (Klopft sich an die Stirn.) … im Oberstübchen.

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 20. März 2003