Die Schwere Not

Ivan Gončarov

Ich will den Leser nicht mit der Schilderung aller verschiedenen Erscheinungsbilder und einzelnen Anfälle der »Schweren Not« ermüden; die Erzählung meines Freundes Tjaželenko, die ich hier beinahe unverändert wiedergegeben habe, vermittelt von dieser Krankheit einen allgemeinen Begriff; mir bleibt, um der größern Klarheit und Glaubwürdigkeit willen, lediglich die Beschreibung einer oder zweier Ausflugsfahrten, die den krankhaften Zustand meiner beiden Bekannten am treffendsten kennzeichnen.

Jede von ihnen war unweigerlich durch ein besonderes Abenteuer gekennzeichnet: mal brach die Achse, die Kutsche fiel auf die Seite, und aus ihr ergossen sich, wie aus einem Füllhorn, in wundersamstem Chaos verschiedene Gegenstände — Kochtöpfe, Eier, Braten, Männer, der Samovar, Teegläser, Spazierstöcke, Galoschen, Damen, Brezelkringel, Schirme, Messer, Löffel; mal zwangen tagelanger Regen und Übermüdung, Obdach in einer Hütte zu suchen, die sich, in ihrer Vielfalt, ebenfalls in eine interessante Szene verwandelte — Kälber, rotznasige Kinder, nackte Holzbänke, schwarze Wände, russische und finnische Männer, Kakerlaken, Pfannen, Teller, russische Damen und finnische Weiber, Galoschen, Mäntel, Bauernröcke, Damenhüte und -schuhe spielten, ohne vorherige Proben, ein vielstimmiges Divertissemento. Zum allgemeinen, großen Vorkommnis gesellten sich in der Regel einzelne, kleine: mal fiel eines der Kinder ins Wasser, mal benetzte Zinaida Michajlovna aus Versehen ihr reizendes Füßchen in einem sumpfigen Graben … Es ist jedoch unmöglich, alles wiedergeben zu wollen, was sich während dieser Überfälle auf Wälder und Felder ereignete; und hätte es denn anders sein können, nachdem die Unglücklichen all diese Widrigkeiten doch geradewegs suchten? So erinnere ich mich, wie wir eines Morgens, als das Wetter eben noch erträglich war, übereinkamen, am selben Tage, nach dem Essen, hinauszufahren nach Strelna, um den dortigen Palast nebst Park zu besichtigen. Während des Essens bezog sich der Himmel mit bleigrauen Wolken, von ferne war Donner zu hören; der kam schließlich näher und näher, ein schrecklicher Regen ging nieder. Ich hatte mich gefreut bei dem Gedanken, daß die Spazierfahrt sicher aufgeschoben würde, um so mehr, als die dicken Regentropfen langsam in die kleinen, feinen eines Dauerregens übergingen; ich hatte mich zu früh gefreut: etwa um fünf Uhr fuhren an der Freitreppe einige Mietdroschken vor. »Was soll das bedeuten?«

»Was das bedeuten soll? nach Strelna!« riefen alle.

»Aber will denn wirklich jemand bei solchem Wetter fahren?«

»Ist es denn schlecht? Es regnet doch nur.«

»Reicht Ihnen das nicht? Aber wir können uns verkühlen, uns erkälten, uns den Tod holen.«

»Ja und? dafür amüsieren wir uns! Wir haben fünf Schirme dabei, sieben wasserundurchlässige Mäntel, zwölf Paar Galoschen, und …«

»Und die Angelruten !« fügte Aleksej Petrovic hinzu.

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 12. Februar 2008