Christinchen

E.T.A. Hoffmann

Denke dir, lieber Leser! ein mittelgroßes wohlgenährtes Frauenzimmer, von etwa zwei bis drei und zwanzig Jahren, mit rundem Gesicht, kurzer ein wenig aufgestülpter Nase, freundlichen lichtblauen Augen, aus denen es recht hübsch jedermann anlächelt: Nun heirate ich bald! – Sie hat eine blendend weiße Haut, die Haare sind geradezu nicht zu rötlich – recht küssige Lippen – einen zwar etwas weiten Mund, den sie noch dazu seltsam verzieht, aber zwei Reihen Perlenzähne werden dann sichtbar. Sollten etwa aus des Nachbars brennendem Hause die Flammen in ihr Zimmer schlagen, so wird sie nur noch geschwinde den Kanarienvogel füttern und die neue Wäsche verschließen, dann aber ganz gewiß in das Comptoir eilen und dem Herrn Elias Roos zu erkennen geben, daß nunmehro auch sein Haus brenne. Niemals ist ihr eine Mandeltorte mißraten, und die Butter-Sauce verdickt sich jedesmal gehörig, weil sie niemals links, sondern immer rechts im Kreise mit dem Löffel rührt! – Da Herr Elias Roos schon den letzten Römer alten Franz eingeschenkt, bemerke ich nur noch in der Eile, daß Christinchen den Traugott deshalb ungemein lieb hat, weil er sie heiratet, denn was sollte sie wohl in aller Welt anfangen, wenn sie niemals Frau würde!–

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 28. Juli 2006