Ein Trauerspiel

E.T.A. Hoffmann

»Himmel und Hölle,« schrie Giglio, indem er heftig aufsprang, die geballte Faust an der Stirn, »Himmel und Hölle! Tod und Verderben! So ist es wahr, was jener heuchlerische Bösewicht mir ins Ohr raunte? – Ha! öffne dich, flammenspeiender Abgrund des Orkus! Steigt herauf, schwarzgefiederte Geister des Acheron! – Genug!« – Giglio verfiel in den gräßlichen Verzweiflungs-Monolog irgendeines Trauerspiels des Abbate Chiari. Giacinta hatte diesen Monolog, den ihr Giglio sonst hundertfältig vordeklamiert, bis auf den kleinsten Vers im Gedächtnis und soufflierte, ohne von der Arbeit aufzusehen, dem verzweifelten Geliebten jedes Wort, wenn er hie und da ins Stocken geraten wollte. Zuletzt zog er den Dolch, stieß ihn sich in die Brust, sank hin, daß das Zimmer dröhnte, stand wieder auf, klopfte sich den Staub ab, wischte sich den Schweiß von der Stirne, fragte lächelnd: »Nicht wahr, Giacinta, das bewährt den Meister?« »Allerdings,« erwiderte Giacinta, ohne sich zu rühren, »allerdings. Du hast vortrefflich tragiert, guter Giglio; aber nun wollen wir, dächt ich, uns zu Tische setzen.«

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 8. November 2002