Blondinen

Raymond Chandler

Es gibt solche Blondinen und solche, das ist heutzutage fast schon ein geflügelter Witz. Alle Blondinen haben ihre Mucken, mit Ausnahme vielleicht nur der wasserstoffblonden, die jenseits der Chemie so blond sind wie ein Zulu und von Gemüt so glatt wie ein Bürgersteig. Da gibt es das kleine süße Blondchen, das piepst und zwitschert, und die große statuenhafte Blondine, die nur einen einzigen ihrer eisblauen Blicke braucht, um einen auf Distanz zu halten. Da gibt es die Blondine, die hinreißend zu einem aufschaut und ebenso hinreißend duftet und schimmert und einem am Arm hängt und die dann immer so sehr, sehr müde ist, wenn man sie heimbringt. Sie macht dauernd diesen hilflosen Eindruck und hat dauernd diese gottverdammten Kopfschmerzen, und man würde ihr am liebsten eine runterhauen, wenn man nicht heilfroh wäre, das mit den Kopfschmerzen noch rechtzeitig entdeckt zu haben, bevor man zuviel Zeit, Geld und Hoffnung in sie investiert hat. Denn diese Kopfschmerzen werden immer da sein, eine Waffe, die nie stumpf wird und so tödlich ist wie der Stoßdegen eines Meuchelmörders oder Lukrezias Giftfläschchen.

Da gibt es die sanfte und willige Blondine mit dem Hang zum Alkohol, der ganz egal ist, was sie anhat, solange es nur Nerz ist, oder wohin man mit ihr geht, solange es nur das Starlight Roof ist und der trockene Champagner in Strömen fließt. Da gibt es die kleine kesse Blondine, die ein bißchen bleich ist und für sich selber zahlen will und voll Sonnenschein und Mutterwitz steckt und Judo gelernt hat und einen Lastwagenfahrer mit einem Schulterschwung aufs Kreuz legt, ohne dabei mehr zu verpassen als einen Satz aus dem Leitartikel im Saturday Review. Da gibt es die blasse, sehr blasse Blondine, die an einer zwar nicht tödlichen, aber unheilbaren Form von Anämie leidet. Sie ist sehr schwach, fast nur ein Schatten ihrer selbst, und spricht ganz leise wie aus dem Nichts, und man kann sie nicht einmal mit dem kleinen Finger anfassen, weil man das erstens gar nicht will und weil sie zweitens gerade Das wüste Land liest oder Dante im Original oder Kafka oder Kierkegaard oder Provenzalisch studiert. Sie schwärmt für Musik, und wenn die New Yorker Philharmoniker Hindemith spielen, kann sie einem sagen, welcher der sechs Kontrabässe mit seinem Einsatz ein Viertel zu spät gekommen ist. Ich höre, Toscanini kann das auch. Damit sind es schon zwei.

Und schließlich gibt es da die Superblondine, das Prachtstück zum Vorzeigen, das drei Klassegangster hinter sich bringt und dann ein paar Millionäre heiratet, für eine Million pro Kopf, und am Ende eine hellrosa Villa am Cap d'Antibes hat, einen Alfa Romeo der Luxusserie, komplett mit Fahrer und Beifahrer, und einen Stall voll abgelebter Aristokraten, die sie alle mit der liebenswürdigen Geistesabwesenheit eines bejahrten Herzogs behandelt, der seinem Butler gute Nacht sagt.

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 4. Apr 2002