Das Fähnlein – familienfreundlich

Ein Briefwechsel zwischen Berthold Auerbach und Gottfried Keller über Das Fähnlein der sieben Aufrechten

Berthold Auerbach wollte das Fähnlein in seinem ‹Deutschen Volkskalender› veröffentlichen; am 21.6.1860 schreibt er an Gottfried Keller:

Die Erinnerung an die Kinderliebe muß ich streichen, so schön sie auch ist. Das geht nicht für einen Kalender, der unverborgen vor den Kindern da liegen muß.

Und so sehen einige der Streichungen aus:

Nun fingen sie an zu plaudern und Karl sagte: «Liebe Hermine! Ich kann jetzt das Sprüchwort umkehren und rufen: was ich in der Jugend die Fülle hatte, das wünsch’ ich im Alter, aber vergeblich! Als ich zehn Jahre alt war und Du sieben, wie oft haben wir uns da geküßt, und nun ich zwanzig bin, bekomme ich nicht einmal Deine Fingerspitzen zu küssen.»

«Ich will ein für allemal von diesen unverschämten Lügen nichts mehr hören!» antwortete das Mädchen halb zornig, halb lachend, «alles ist erfunden und erlogen, ich erinnere mich durchaus nicht an solche Vertraulichkeiten!»

«Leider!» rief Karl; «aber ich um so besser! Und zwar bist Du gerade die Tonangeberin und Verführerin gewesen!»

«Karl, wie häßlich!» unterbrach ihn Hermine; aber er fuhr unerbittlich fort: «Erinnere Dich doch nur, wie oft, wenn wir müde waren, den armen Kindern ihre zerrissenen Körbe mit Zimmerspänen füllen zu helfen, zum steten Verdrusse Eurer Polierer, wie oft mußt’ ich dann zwischen den großen Holzvorräten, ganz im verborgenen, aus kleinen Hölzern und Brettern ein Hüttlein bauen mit einem Dach, einer Thüre und einem Bänklein darin! Und wenn wir dann auf dem Bänkchen saßen, bei geschlossener Thüre, und ich meine Hände endlich in den Schoß legte, wer fiel mir dann um den Hals und küßte mich, daß es kaum zu zählen war?»

Bei diesen Worten wäre er fast ins Wasser gestürzt; denn da er Karl während seiner Reden sich unvermerkt wieder zu nähern gesucht hatte, gab sie seinem Schifflein plötzlich einen so heftigen Stoß, daß es beinahe umschlug.

[…]

So gelang es ihm, sie endlich zu überraschen und sein Schiff mit einem Rucke an das ihre zu drücken. Augenblicklich hielt er ihren schlanken Oberkörper in den Armen und zog ihre Gestalt zur Hälfte zu sich hinüber, so daß sie beide halb über dem tiefen Wasser schwebten, die Schiffchen ganz schief lagen und jede Bewegung das völlige Umschlagen mit sich brachte. Die Jungfrau fühlte sich daher wehrlos und mußte es erdulden, daß Karl ihr sieben oder acht heftige Küsse auf die Lippen drückte. Dann richtete er sie samt ihrem Fahrzeug wieder sanft und sorglich in die Höhe; sie riss sich los, strich ihre die Locken aus dem Gesicht, ergriff die Ruder, atmete heftig auf und rief, mit Thränen in den Augen, zornig und drohend: «Wart' nur, Du Schlingel, bis ich Dich unter dem Pantoffel habe! Du sollst es, weiß Gott im Himmel, verspüren, daß Du eine Frau hast!»

Gottfried Keller schrieb am 15.9.1860 an Auerbach:

Ich muß Sie nun doch rüffeln wegen einer kleinen Streichung, nämlich wo der Karl das Mädchen aus dem Schiffe zu sich herüber zieht und küßt. Sie hätten die Stelle ganz streichen oder das Küßchen (in Ehren) stehen lassen sollen, da der Zorn des Mädchens, das sich wegen der gefährlichen Situation nicht losreißen kann, gerade vom Geküßtwerden herrührt. Auch sieht es jetzt fast bedenklicher aus, da man ja dem Burschen noch schlimmeres zumuthen kann. Durch das offene Wort Küssen wird dem schlauen Annähern und Ueberlisten eben der lüsterne und verdächtige Charakter genommen.

Hier will ich auch gleich die Frechheit begehen und behaupten, daß ja die Bibel voll der derbsten Erotik steckt und doch allen Kindern offen steht, ja von den Quäkern und Muckern millionenweise verbreitet wird.

Im Uebrigen liess er den Kalender-Herausgeber gewähren – und machte für die Buchausgabe alle diese Aenderungen wieder rückgängig.

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 19. Dezember 2004