Abhärtung (Heilkunst)

Damenkonversationslexikon 1834

Abhärtung ist in Bezug auf den menschlichen Körper die durch Gewohnheit oder Kraft des Geistes erlangte Festigkeit desselben […]

Die griechischen Jungfrauen übten sich im Wettlauf, und die spartanischen schliefen unbekleidet auf bloßen Binsen bei kalter Witterung; Frauen und Mädchen kämpften in der Vorzeit gleich ihren Männern und Vätern, und das Weib germanischen Stammes war im Kampfgewühle an der Seite des Gatten, ihm das tödtende Geschoß, den stärkenden Trank und ärztliche Hilfe zu reichen. […] Unser Zeitalter dagegen benimmt den Mädchen und Frauen immer mehr die Gelegenheit, den Körper abzuhärten.

[…]

Alle die Beschwerden, welche das Mädchen vom zwölften oder funfzehnten Jahre an befallen, alle die periodischen Leiden und die mannichfaltigen Unbequemlichkeiten zur Zeit, wo ihnen als Frauen das höchste Erdenglück des Weibes, das Mutterwerden, bevorsteht, ja die oft gefährlichen Unordnungen, welche im höhern Alter das Aufhören dieser Functionen begleiten, verdanken ihr Entstehen mehr oder weniger der vernachlässigten Abhärtung. Welche traurige Existenz, von jedem Lüftchen Reißen, von jeder Speise Magendrücken, von jedem Geruch Kopfschmerz, nach jeder Aufregung Ohnmachten und Krämpfe zu bekommen! Welcher Verlust, wenn statt des mannlichen Weibes mit schwellenden Gliedern, glanzerfüllten Augen, blühenden Wangen und üppigem Haar, ein schwankendes Wesen mit gelblich bleicher Farbe, ohne Glanz im Auge und ohne Rundung des Körpers vor uns erscheint als Meisterstück der Schöpfung, dessen Anblick die Kunst der Mode nur erträglich macht. Daran ist bloß der Mangel an Abhärtung schuld.

[…]
Aber Vorsicht:

Abhärtung gegen heftige Reize, wie Wein  u. s. w.  ist Abstumpfung.

Mail an Martin Jucker
Zuletzt aktualisiert am 11. Februar 2006